Gambetto in der Tradition alter Fechtbücher?

Auf dem Kampfkunstboard wurde die Frage gestellt in wie weit sich Techniken des Gambetto in den Fechtbüchern Italiens aus Mittelalter und Renaissance wiederfinden. Der Gedanke dabei war evtl. eine Entwicklungslinie zu finden oder mögliche Gemeinsamkeiten zu erkennen.
Diese Idee ist nicht so sehr verkehrt, zumindest ist sie es wert einmal ein wenig näher betrachtet zu werden.
Wo könnten wir dazu einen Blick riskieren? Am besten wären natürlich Fechtbücher aus Genua selbst, gefolgt vom Umland und zu guter Letzt aus Norditalien. Alles andere wäre dann vielleicht doch ein bisschen weit hergeholt.
Tatsächlich gibt es einige Fechtbücher, die in Genua verlegt wurden. Die meisten mir Bekannten sind allerdings aus dem 19. Jh. und beinhalten leider keine Waffenlosen Techniken. Wenn wir Mailand in die Umgebung Genuas mit einbeziehen, gibt es – spätestes seit dem 18. Jh.- eine Fülle an Fechtbüchern vorallem für das Hieb- und Stoßfechten. Aber keine ausführliche Anleitung des Waffenlosen Nahkampfes, die sich nicht mit sportlichem Ringen, Savate oder Boxen beschäftigten. Diese sind zum Teil nur Nachdrucke in italienischer Sprache und keine italienische Tradition. Regionale waffenlose Tricks oder Techniken um sich seiner Haut zu erwehren findet man eher nicht. Die Bücher, die Gambetto namentlich erwähnen, einmal ausgenommen.

Blickt man weiter zurück werden die Fechtbücher seltener, daher müssen wir unsere Suche auf den Norden Italiens ausdehnen. Allerdings reicht der Wirkungsbereich dieser Werke dann auch deutlich weiter und ihre Bekanntheit und Nutzung sind wesentlich langfristiger. Im 17. Jh. beschäftigen sich Fechtbücher hauptsächlich mit dem Umgang des Rapiers. Anscheinend nur wenig was uns weiterhelfen könnte. Mit dieser Lücke ist es schon schwer von einer Übertragung oder Überlieferung zu sprechen. In der Bologneser Tradition des 15. Jh. finden wir einige Techniken zum Kampf mit dem Dolch. Hier könnte man fündig werden.

Stellung mit Cappa und Pugnale bei Marozzo

Stellung mit Cappa und Spada bei Marozzo

 

 

 

 

 

 

 

 

Der erste Blick fällt natürlich auf die Kombination Dolch und Mantel, hier erkennen wir die Grundstellung des Gambetto wieder. Der Mantel wird schützend um den Arm geschlungen und dann vor den Körper gebracht, zusätzlich kann der Dolch -wie Achille Marozzo schreibt – hinter dem Mantel verborgen werden. Das Blockieren oder Parieren mit dem rechten Arm und gleichzeitigem Dolch- bzw. Fauststoß wäre damit die erste echte Übertragung. Tatsächlich soll angeblich bereits der Kampf mit Scutum und Gladius der Römer hier Vorbild gestanden haben –eine Sichtweise, die direkt aus der Renaissance stammen könnte. Im Dolchkapitel rät Marozzo allerdings das Bein der Waffenseite vor zu stellen. Andere Meister die Mantel und Schwert überliefert haben stehen mit Schwert oder Rapier bis ins 17. Jh. ebenfalls auf diese Art. Marozzo selbst zeigt aber in seinem Schwert auch die Möglichkeit mit der Mantelseite vorzustehen. Und wo wir nun doch wieder im 17. Jh. und Fechtbüchern mit dem Themenschwerpunkt Rapier sind, auch Fabris kennt beide Guardia, links und rechts vor.

Salvatore Fabris in einer sehr gedeckten Stellung hinter dem Mantel

Diese Stellung und der Mantel als Hilfsmittel zur Verteidigung gegen Messer haben sich in jedem Fall bis heute gehalten. Wir finden sie in Frankreich des 20. Jh. z.B. auch in „La Défense dans la rue“ (1912) und in der Übersetzung ins italienische „La difesa personale“ von 1926. Auch das Colltello Genovese, dass sonst eine andere Guardia nutzt, lehrt die Verteidigung mit Jacke und Messer. Es ist damit zumindest nicht von der Hand zu weisen, dass eine solche Vorgehensweise Allgemeingut war und ist. Von einer direkten Verbindung zu Achille Marozzo würde ich allerdings nicht sprechen wollen. Aber es ist nicht auszuschließen, dass die Stellung selbst und Methoden aus ihr für den reinen waffenlosen Kampf irgendwann von einem klugen Kopf adaptiert wurden. An dieser Stelle sollte ich noch anmerken, dass es sich bei der Guardia um die Variante des ligurischen bzw. genuesischen Gambetto handelt, Martinelli zeigt um 1906 in seinem in Mailand erschienen Buch „trattato di scherma col bastone da passeggio“ eine gänzlich Andere, auch wenn einzelne Techniken wiederum in beiden Stilen zu finden sind.

Guardia Martinelli

Guardia Genovese

An dieser Stelle könnte man also sagen, dass die Messertradition Italiens, die sich über die Jahrhunderte auch mit dem Mantel als Defensivwaffe beschäftigt hat, anscheinend einen Einfluß auf die Guardia des Gambetto Genovese gehabt haben könnten.

 

Die Dolchringen aus Marozzos „Opera Nova“, die soweit ich weiß nicht zum eigentlichen Werk gehören, deren Ursprünge aber noch nicht gänzlich geklärt sind, lasse ich hier außer Betracht, da wir diese alle in einem früheren Buch wiederfinden. Fiore de Liberi beschreibt in seinem „Fior di battaglia“ eine Fülle von „waffenlosen“ Techniken in der Ringen aber auch in der Dolchsektion. Darunter sind viele der üblichen Armbrüche und Würfe, die sich auch im Gambetto wiederfinden. Allerdings sind das ebenfalls Techniken, die es in diversen Kampfkünsten um den Globus durch „alle“ Epochen hindurch gibt. Deshalb würde ich mich auch hier wieder nicht aus dem Fenster lehnen wollen um von direkten Wurzeln zu sprechen. Fakt ist, vieles von dem was es früher gab, gibt es heute auch noch, einiges davon unverändert, einiges mit kleinen Anpassungen. Diese können technischer Natur sein um die eigentliche Technik zu verbessern oder neuen Gegebenheiten gerecht zu werden, zu entschärfen oder irgendwelchen Regeln anzupassen. Feinheiten lassen sich bei Fiore oder generell aus den meisten Fechtbüchern nur schwer erkennen, ob das nun Feinheiten sind, die ich von Mann zu Mann in Genua gelernt habe und wiedererkennen könnte oder Feinheiten, die der alte Meister vielleicht gar nicht erst versucht hat zu beschreiben oder darzustellen oder sie vielleicht sogar bewusst verschwiegen hat.
Als Schlußwort möchte ich euch eine kleine Auswahl dieser „Allrounder“ jedenfalls nicht vorenthalten:

Den Arm über Rotation brechen

Den Arm verrenken.

Den Arm über die Schulter brechen.

Daumen in die Augen drücken.

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Noch ein Coltello-Trainer – Trainingsmesser aus Cold Steel Speerkopf

Coltello genovese aus Gummi

Vielleicht könnt ihr euch noch erinnern, wie ich aus einem Cold Steel Bowie aus Gummi ein Coltello Genovese geschnitzt habe. Jetzt habe ich mit noch weniger Aufwand eine noch bessere Alternative gefunden. Cold Steel bietet ebenfalls Speerköpfe aus Gummi an. Diese sind mit wenigen Handgriffen in Form gebracht. Die Tülle ist zwar hol, aber fest genug, dass sie als Griff dienen kann ohne gefüllt zu werden. Allerdings muss sie etwas gekürzt werden. Und wenn man die Stichsäge grade zur Hand hat, sägt man einfach entlang des Mittelgrades einen Teil der Klinge ab, lässt die Spitze aber unberührt. Mit der Raspel noch die Kanten glätten und schon ist es fertig.

Orginal und modifizierter Gummispeerkopf

Ein weiterer Vorteil dieser Variante ist, dass das Santropen in diesem Fall nicht so steif verarbeitet sondern eine flexible Spitze produziert wurde, die sich jeder Trainierende bei einem Gummimesser wünscht. In diesem Fall mit einer schönen Sicherheitsspitze, die auf Wunsch natürlich auch entfernt werden könnte.
Nichts ist perfekt und so muss man natürlich auch hier ein paar Abstriche machen. Auch wenn die Tülle durch ihre runde Form das Griffspiel sehr gut unterstützt, ist sie als Griff etwas zu dick. Das ist für meine Hände zwar noch in Ordnung, wird aber sicherlich nicht für jeden passen. Außerdem ist das so gebastelte Messer mit ca. 40cm wieder ein recht großes Exemplar, ausgehend von einer Ausgangslänge von 43cm.
Insgesamt bin ich mit dem Ergebnis aber mehr als zufrieden.

Kleiner Nachtrag:
Auf meinem ersten Coltelloseminar zeigte mir Peter sein gebasteltes Messer. Er wollte noch eine Daumenmulde einfügen. Das würde den Griff auch noch etwas verschlanken. Die oben beschriebene Version hat ja eigentlich auch ihrern Reiz daran, dass sie nicht viel Arbeit macht, besonders, wenn man 20 Messer bauen möchte. Das im Hinterkopf habe ich aber nochmal die Säge angesetzt und das ganze Messer noch etwas gekürzt und gleich auch noch den Bart abgerundet. Jetzt hat es mit 30cm die eher übliche Länge und auch die Tülle ist natürlich nichtmehr zu dick. Die Flexibilität wird dabei nicht beeinflusst. Die Mehrarbeit lohnt sich allemal, sodass ich wohl für das nächste Seminar alle Klingen überarbeiten werde.

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Nachruf: The Noble Science Germany I

Die ganze Truppe vom ersten „The Noble Science Germany“

Ich freute mich sehr zum ersten Noble Science Event in Deutschland als Referent eingeladen zu sein. Im Dezember vergangenen Jahres war es dann soweit. Zudem hatte ich die Ehre den ersten Workshop halten zu dürfen und damit die Veranstaltungsreihe in Deutschland zu starten.
Die Gruppe war überschaubar. Sie zählte etwa zwanzig Mann – ja richtig, leider war der Frauenanteil gleich Null. Die Gruppengröße war jedenfalls ideal um ordentlich was zu vermitteln und genügend Zeit für jeden aufzubringen. Die Teilnehmer kamen hauptsächlich aus den HEMA. So gesehen hatte ich meinen Workshop gut vorbereite: ein bisschen über die Herkunft des Savate und das Verhältnis des genuesischen Stils zum französischen Savate, ein paar Grundlagen – treten steht ja nicht wirklich ganz oben auf den Fertigkeiten eines historischen Fechters – und eine Technikkette mit verschiedenen Ausgängen im Stil von Paulus Hector Mair in der kampfentscheidende Aspekte wie Tempo und Mensur vermittelt und die Wichtigkeit der Beinarbeit in diesem Zusammenhang aufgezeigt wurde.

– Heiko hat von seinem Workshop ein Video auf seinem Kanal. Ich verlinke euch mal hier die Übungskämpfe zum Ende der Klasse. Energiegeladen war ich zwar nichtmehr, aber im richtigen Moment den Sack zu machen, das ging noch 😉 –

Seit langem habe ich auf einem Seminar wieder alle Workshops auch selbst mitgemacht, Nicht zuletzt deswegen war es für mich ein wirklich tolles Wochenende. Ganz besonders Spaß hatte ich bei Christophs Workshop zum Pugilism, der leider einfach viel zu schnell vorbei war. Von diesem Thema hatte ich bis dato nur grundlegende Kenntnis. Mittlerweile gibt es einfach so viel mehr an Quellen als noch vor ein paar Jahren. Der Workshop hat bei mir ein paar Fragezeichen entfernt und einiges an Hintergrundwissen hinzugefügt, vom Spaß am Training ganz zu schweigen. Dieser Workshop war einfach viel zu schnell vorbei. Alex Bartitsu-Klasse war auch ein Spaß, nicht zuletzt wegen des Savate und Pugilism.

The Art of Defence on Foot with Broad Sword & Sabre(1804) von Charles Roworth (Transkribiert von Peter Frank)

Ich hatte mit Peter Frank auch einen tollen motivierten Partner, der mir das gesamte Wochenende erhalten blieb. Auch nochmal herzlichen Dank für die wundervolle Lektüre für die Rückfahrt. In „The Art of Defense“ habe ich bislang noch nie einen Blick riskiert umso mehr war ich überrascht, dass es im hinteren Teil des Buches ein Kapitel zum Umgang mit dem Stock gibt. Ein gemeinsamer quellenkonformer Blick in dieses Kapitel würde mich übrigens sehr freuen. Aber ich schweife ab.
Das Event schaffe für mich den Spagat zwischen viel Neuem für die Trainer und sehr viel Neuem für die Teilnehmer ohne dabei für jemanden wirklich überfordernd zu sein, mal ganz abgesehen von der körperlichen Anstrengung.
Das Ronneburgcenter als Veranstaltungsort ist zwar nicht so leicht zu erreichen – schon garnicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln – aber für The Noble Science war es einfach super. Die Teilnemer und Referenten kamen in einer Hütte unter, kein Stress mit Übernachtungsmöglichkeiten suchen, morgens zur Halle, abends zurück. Es gab Frühstück, Mittag- und Abendessen und Samstag tat die Sauna dem geschundenen Körper mehr als gut und abends sorgten die netten Gespräche für einen gebührlichen Tagesabschluss.
Ich kann die Veranstaltung nur empfehlen. Ich bin schon gespannt welche Referenten Predrac nächstes Jahr aus dem Ärmel schüttelt.
Ein paar Fotos (Danke Alexander) für einen kleinen Eindruck, der dem Noble Science Germany nicht gerecht werden kann.

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Frohes neues Jahr!

Feuerwerk über Genua

2018 hat begonnen und ich bin voller guter Vorsätze. Die letzten Wochen bin ich nicht so sehr dazu gekommen etwas zu schreiben. Das hatte zum Teil gute aber auch anstrengende Gründe. Ganz klar steht das Nachreichen ausstehender Themen ganz weit oben auf meiner Liste – direkt unter mir 😉
Ich will mich dieses Jahr meinem großen Feind Kondition stellen und wieder etwas fitter werden. Das regelmäßige Savatetraining hat schon ordentlich geholfen, andererseits hält es mir auch immer wieder vor was da noch machbar ist. Ein bisschen Ernährung muss dann auch noch drin sein, das bedingt sich ja beinahe. Außerdem würde ich gern weiter an meinem Italienisch arbeiten. Was vermutlich mit das Schwerste für mich sein wird.
Trainingstechnisch werde ich mich weiterhin intensiv genuesischer Kampfkunst widmen und zwar nicht nur den traditionellen Methoden sondern auch den historischen Systemen. Die letzten Monate war ich fleißig und habe mir ein paar Fechtbücher besorgt, transkribiert und übersetzt. Ihr dürft also gespannt sein. Ein großes „Danke“ geht dabei ganz klar an die Jungs von Mispeldorn, die dabei mit mir praktisch Hand anlegen und meine Exkurse mitmachen.
Von privat und persönlich fange ich glaube ich lieber gar nicht erst an. Bis jetzt hatte ich noch nie Neujahrsvorsätze. Irgendwann ist wohl immer das erste Mal. Ich bin gespannt was aus alle dem im Laufe des Jahres wird. 2018 verspricht in allen Belangen interessant zu werden.

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Deutscher Youtubekanal zum Savate boxe française

Ihr erinnert euch vielleicht noch an Peter Straub aus Basel, den ich auf der Deutschen Meisterschaft kennengelernt habe. Vor ein paar Wochen habe ich durch Zufall entdeckt, dass er ganz frisch seinen Youtubekanal mit Technikvideos zum Savate boxe française füllt. Mittlerweile sind nun einige Videos dazu gekommen und es werden wohl auch in Zukunft weitere folgen. Solche Lehrvideos sind an für sich schon eine Seltenheit, im deutschsprach Raum sind sie sogar ein Unikat und mit Sicherheit soll dieser Kanal auch zur Bekanntheit des Sports in Deutschland beitragen. Bei diesem Unterfangen wünsche ich Peter und allen anderen viel Erfolg!
Wie gesagt handelt es sich dabei zwar um modernes französisches Savate. Freunde genuesischen Savates werden aber dennoch ihre Freude daran haben. Vor allem wenn sie noch Material für Ihre Grundlagen suchen. Man sollte aber natürlich wissen worin die Unterschiede der beiden Varianten liegen. Das wiederum gehört sich aber schon beinahe für jemanden, der sich intensiv mit Savate Genovese beschäftigt oder es gar unterrichtet. Was derzeit auf die Mehrheit der Savatetori genovesi zutrifft. Ich bin jedenfalls gespannt was es noch zu sehen geben wird!
An dieser Stelle noch kurz einen Gruß an Sascha, bei dem ich vor Jahren meinen ersten Kurs im Savate an der RWTH-Aachen gemacht habe.

Hier das erste Video der Playlist:

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Seminar: The Noble Science Germany

The Noble Science” ist eine Seminarreihe aus Großbritannien, die es seit etwa fünf Jahren gibt. Ihr Thema sind die alten, historischen oder traditionellen waffenlosen Kampfkünste Europas. Dieses Jahr entschied sich Predrag Nikolic von Zornhau dazu das Format nach Deutschland zu bringen.

Angefragt wurde ich für Boxe francaise Savate. Da könnte ich natürlich etwas zeigen, aber wenn ich ehrlich bin, gibt es genügend Leute im deutschsprachigen Raum, die besser dazu geeignet sind als ich. Also sagte ich Predrag  ich könne ihn gerne weitervermitteln oder aber stattdessen Savate Genovese vorstellen. Ich weiß nicht wie weit er über französisches Savate informiert ist, aber nachdem ich ihm etwas mehr über genuesisches Savate erzählt habe, entschied er sich für Italien (Wer würde das nicht? ;-)).

Es ist noch gut einen Monat hin und ich bin mir noch nicht ganz sicher was ich überhaupt zeigen werde. Es gibt doch einiges an Faktoren, die mit reinspielen. Wann bin ich dran? Gibt’s schon Grundlagen von der Bartitsuklasse auf denen  ich aufbauen kann oder kann ich Grundlagen für jene Klasse liefern? Was sind für Teilnehmer da? Mal eben zum Kopf Treten? Und wie schauts überhaupt mit grundlegenden Kenntnissen übers ordentliche Treten aus? Auf den meisten Veranstaltungen auf denen ich unterrichte kann ich meine Teilnehmer einschätzen, hier kann wirklich alles passieren von historischen Fechter, die ihre Beine nur schwer über Hüfthöhe bekommen – nicht dass das bei mir vor ein paar Jahren nicht ähnlich aussah – bis hin zu erfahrenen Kämpfern, die im Schlepptau der anderen Referenten kommen. Ich werde also breit planen müssen und der Rest wächst dann in der Stunde. Auf jeden Fall bin ich dankbar für das Interesse und freue mich schon Savate Genovese vorstellen zu dürfen.

Neben mir gibt es noch einige andere Exoten (Kampfkünste meine ich, nicht Referenten ;-)) mehr. Vom Veranstalter – wie könnte es anders sein – gibt es eine Klasse zum historischen deutschen Ringen. Alex Kiermayer – einer der Bartitsuveteranen Deutschlands – zeigt etwas aus jener Mixed Martial Art des 19. Jh., deren Zuliefersysteme das Boxen, Savate und Jiu-Jitsu waren. Pugilism – altes Boxen – wird es geben und Heiko Große zeigt uns etwas zum traditionellem Backholdwrestling. Alles in allem verspricht es ein tolles Wochenende zu werden – hatte ich die Sauna erwähnt? 🙂

Für mehr Infos und die Anmeldung geht es hier zur Website. Die aktuellen Referenten gibts dann nochmal hier von mir:

Predrag Nikolic – Ringen nach deutscher Schule

Christoph Reinberger – Pugilism

Heiko Große – Scottish Backhold Wrestling

Alex Kiermayer – Bartitsu

Mark Lupo de Fazio – Human Pankration

Oliver Janseps – Savate genovese

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Buch: Trattato di scherma col bastone da passeggio

Die „Neuauflage“ hat mit 2009 auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Das Ersterscheinungsdatum war jedoch bereits 1908. Graziano Galvani, Gianluca Zanini, EnricoLorenzi und Valerio Pitali machen uns mit dieser Neuauflage eins der wenigen alten schriftlichen Werke aus Italien zum waffenlosen Kampf sowie dem Umgang mit dem Spazierstock zugänglich. Viele Bücher zum Fechten dieser Zeit sind für Norditalien in Mailand verlegt worden, so auch dieses. Damit rutscht es natürlich deutlich mehr in mein Interessengebiet als z.B. neapolitanisches Messer. Mit 1908 ist es für HEMA-verhältnisse noch recht jung, aber umso spannender. Nicht nur die Quelle ist auf Italienisch auch die Neuauflage ist es. Wer allerdings grundlegendes Verständnis und ein bisschen Vokabular der italienischen Fechtschule mitbringt, versteht durchaus erstmal genug. Zur Not gibt es ja auch noch ein paar Bilder 😉

Die Einführung hält allerlei Hintergrundinformationen für den Leser bereit. Es gibt viel wissenswertes über den Autor Giannino Martinelli sowie eine kurze praxisbetonte Einführung in den Fechten mit dem Spazierstock und allgemeine Anweisungen. Ob das wirklich ausreicht dem unerfahrenen Leser das Verstehen der Orginalquelle zu ermöglichen wage ich zu bezweifeln, für Fechter ist es jedenfalls eigenlich überflüssig.

Das Stocksystem  ist recht überschaubar und – wen wunderts – stark am italienischen Säbelfechten angelehnt. Deutlich mehr als unser Bastone Genovese. Es macht einen „akademischeren“ Eindruck: eine ordentliche Fechtstellung, ein recht weiter Ausfall und statische steile Paraden. Solche findet man nicht in jedem Stocksystem. Praxisorientierte Autoren wie zum Beispiel H.G. Lang oder T.H. Monstery verzichten darauf, da sie solche Parade als gefährlich für die waffenführende Hand ansehen. Im Bastone Genovese werden steile Parade – solche bei denen die Spitze nach oben zeigt, im Gegensatz zu verhangenen, bei denen die Spitze unterhalb der Hand liegt – grundsätzlich battiert, das heißt dynamisch geschlagen statt statisch mit Opposition pariert. So reduzieren wir die Gefahr für die vordere Hand.
Auf jeden Fall ist es eine kleine kompakte Methode, die leicht erlernbar ist, vor allem, wenn man bere fechten kann.

Was mir damals – als ich mir dieses Büchlein zulegte – nicht bewusst war, war dass es neben dem Spazierstock auch Techniken zum waffenlosen Nahkampf enthalten waren. Umso spannender war die Tatsache, dass diese Techniken als Gambetto bezeichnet werden. Genau wie bei uns scheint es kein richtiges System zu sein, eher ein paar Tricks und Kniffe abseits vom richtigen Ringen um sich ohne Waffen gegen jemanden zu behaupten. Also nichts was man großartig lernen könnte, aber ein netter Überblick oder besser Einblick in das Gambetto.

Wer sich mit italiensicher Fechtkunst beschäftigt und vielleicht noch an ihrer Umsetzung außerhalb des Fechtsaals interessiert ist, dem ist wohl geraten sich dieses kleine Büchlein zuzulegen. Ich habe es jedenfalls nicht bereut.

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Trainingseinheit am HSZ Aachen

Im Hochschulsport der RWTH-Aachen wird derzeit sehr viel umstrukturiert. Ein Resultat davon ist, dass die Jujutsugruppe bröckelt, weil sie unter den neuen Bedingungen kein regelmäßiges Training für alle Leistungsstufen anbieten kann. Die Gruppe, die bislang ausschließlich am HSZ existierte, geht nun eine Kooperation mit einem ortsansässigen Verein ein. Unteranderem deswegen sinkt  nun zum Beginn des Wintersemesters 2017 der Bedarf an Einheiten. Aber ist die Einheit erst weg, wird es schwer sie wieder zubekommen. Daher habe ich mir nach kurzer Rücksprache mit der Obfrau diese Hallenzeit erst einmal unter den Nagel gerissen. Ganz offiziell heißt der Kurs nun „Jujutsu Waffen“.
Das DJJV Jujutsu beinhaltet unter anderem auch den Umgang und die Abwehr mit und von Stöcken und Messern. Ein hartes Curriculum gibt es nicht. Einige Vereine nehmen ihre Techniken aus dem Budobereich, andere von den philippinischen Kampfkünsten (FMA), warum also nicht aus europäischen Traditionen schöpfen?
Dieser Kurs wird also im Grunde ein Kurs nach genuesischen Methoden. Wir werden erstmal  viel Messer und auch ein bisschen Stock machen. Der Kurs läuft ca. drei Monate und ich werde mich selbst ein bisschen überraschen lassen was und wieviel ich unterbringen kann, was für Leute sich anmelden usw. Wenn alles gut geht, greifen die nachfolgenden Kurse ineinander und ich kann eine kleine Gruppe aufbauen.
Ich bin jedenfalls sehr gespannt wie es weitergeht!
Anmeldestart ist am 04.10. Los geht es am 10.09. um 20:00.
Der „Gambettokurs“ nennt sich übrigens nun „Jujutsu Selbstverteidigung“ (nach genuesischen Grundsätzen ;-)) und liegt weiterhin freitags um 20:00 Uhr.

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Nachruf: Tremonia Fechtschule 2017

Die Fechtschule ist zwar schon ein paar Wochen vorbei. Es bleibt aber nicht aus dazu ein paar Worte zu verlieren:
Ich war leider noch nicht wieder ganz gesund, sodass ich nicht so viel fechten konnte, nicht so viele Workshops machen konnte und nicht so lange bleiben konnte, wie ich gern gewollt hätte. Glücklicherweise konnten zwei meiner Jungs von Mispeldorn – Historische Kampfkünste die Fahne hoch halten und mir vom zweiten Tag berichten. Trotzdem hatte ich sehr viel Spaß. Es war mir ein Vergnügen Reinis kennen zu lernen und von ihm Gigantis Rapiers zu sehen, leider war ich wirklich so angeschlagen, dass ich nach meinem Workshop und der Hälfte des Rapierworkshops nicht mehr aktiv teilnehmen konnte. Irgendwann werden wir uns sicher irgendwo wiedersehen – vielleicht auf der nächsten Fechtschule mit Rapier und Dolch – und auch mal die Klingen kreuzen. Nachdem die Veranstaltungen des Fechtsaals nicht mehr stattfinden, freute ich mich besonders darüber viele alte Freunde wie Jan, Simon, Robert, Katharina, Jan, Daniele, Daniel wieder zusehen. Sogar Uwe und Claudia, die ich das letzte Mal auf dem Y-day gesehen habe waren vor Ort oder besser, hatte sie Jan im Gepäck, der seit kurzem bei der Gilde Bonn einen Montantekurs hat Montantero – Bonn)

Was ich nicht verstehe ist allerdings, wie so eine tolle Veranstaltung mit Referenten aus aller Welt, die wirklich nicht teuer ist, verhältnismäßig schlecht besucht sein kann. Es war zwar viel los – schließlich ist es ja auch das „Sommerfest“ von Tremonia Fechten – aber vereinsfremde Fechter waren nicht viele da und wenn dann waren es die alten Hasen, die ich oben schon erwähnt habe. NRW ist für HEMAverhältnisse ein sehr gut bedientes Feld, umso trauriger ist es, dass diverse Vereine nicht vertreten waren. Vernetzung und Austausch war einmal ganz groß in den HEMA.
Was muss man denn noch bieten? Es gab diverse Workshops zu den unterschiedlichsten Themen, Turniere, Bogen- und Armbrustschießen, Messer- und Axtwerfen, Schnitttests und jede Menge Zeit und Platz für alles was man mit anderen sonst noch machen will.
Meine Jungs haben auf jeden Fall Blut geleckt.

Mein Gambettokurs hat mir sehr viel Spaß gemacht. Nachdem ich seit Anfang des Jahres einen wöchentlichen Gambettokurs gebe, war es das erste Mal für mich den Stoff für einen zweistündigen Kurs aufzuarbeiten um einen interessanten Einblick zu geben. Ich habe wiedermal zu wenig geredet, jedenfalls was Ursprung und Hintergrund des Gambetto angeht. Dafür gab es viel Stoff und da habe ich vielleicht sogar zuviel geredet.
Der Boden war noch aufgeweicht und jeder, der bei mir ordentlich mitgemacht hat, war den Rest des Tages an seiner Kleidung unschwer zu erkennen. Als mich Robert am Morgen fragte ob ich den Kurs auch auf der Wiese abhalten könne oder ob man dazu zwingend in eine Halle müsse, antwortete ich frech, dass ich nicht derjenige wäre der geworfen würde.
Man konnte die Teilnehmer böse grob in zwei Gruppen aufteilen, diejenigen, die Spaß daran hatten sich gegenseitig wehzutun und die Techniken möglichst ordentlich ausführen wollten und diejenigen, denen etwas die Intention fehlte. Verurteilen möchte ich das aber nicht, schließlich ging es ums Reinschnuppern und Kennenlernen. Trotzdem ist es immer wieder schön einem Paar zuzuhören: „nein, das ist noch nicht ganz richtig, das tut noch nicht richtig weh“, und zu sehen wie sie sich enthusiastisch in den Dreck werfen.
Nachdem Peter noch an seinen Savatgrundtechniken arbeitet, war es natürlich ein Muss für ihn sich den Kurs anzutun. Sein Kommentar am Ende: „Die Genuesen können wirklich nur ganz oder gar nicht.“ Das hatte er schon gemerkt als Rupert ihm das Coltello Genovese gezeigt hatte und das empfand er beim Gambetto wieder so. Ich muss sagen, da hat er wohl auch nicht ganz Unrecht.

Zum Schluß noch ein paar bewegte Bilder. Danke Simon für deinen Einsatz!

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Bowiemesser

Vor Jahren kaufte ich mir im solinger Klingenmuseum ein Buch für die Zugfahrt Heim. „Bowiemesser – Ein amerikanischer Mythos“ von Matthias Recktenwald ist jetzt kein Buch was ich unbedingt empfehlen würde, doch war es schon interessant, gerade wenn man nicht tief im Thema „Bowieknife“ und seine Geschichte drin ist.
Wenn ich auf Events oder Sparringtreffen war und einmal mit dem Bowie gefochten habe, habe ich mich grundlegend an klassische Stoßfechtschule gehalten, gewürzt mit einer kleinen Prise kurzer Hiebe und Schnitte zum Waffenarm.
Ich erinnerte mich an folgenden Absatz, von Seite S.63 in dem es hieß, dass in der überlieferten typischen Fechthaltung für Bowiemesserduelle die Schneide nach oben gezeigt hätte. Daraufhin passte ich meine Methode an. Die kleinen Schnitte waren mit der kurzen Schneide, mit dem „Entenschnabelspitze“, immer noch durchführbar, vielleicht

Evolution des Bowies, ganz oben die vermutete Urform des Bowiemessers

sogar noch besser. Falls ich Paraden mit der Klinge machte, würde ich so sogar meine Schneide schonen. Dazu kamen mir auch gleich Bowies mit Messingbeschlag am Klingenrücken in den Sinn. In das weiche Messing dürfte sich eine Stahlklinge gut verbeißen und die Klinge entsprechend binden. Aber das ist nur mein Gedankenspiel. In jedem Fall wurde es deutlich schwerer die Hand zu ergreifen, weil ein Greifen der Hand immer über die Schneide erfolgen musste, was unweigerlich dazu führte zumindest geschnitten oder gar gestochen zu werden. Das ist -wie ich Jahre später erfuhr- auch der Grund, warum im Coltello Genovese die Schneide immer nach oben gerichtet ist, wenn man sein Messer offen zeigt und es dem Gegner entgegenhält. Aber wirklich interessant wird es dann nochmal, wenn ich das Bild von S.20 betrachte, welches die vermutete Form von Jim Bowies eigentlichem Messer darstellt, bevor die Legende und das Marketing eine andere Form propagierten. Ich will nicht andeuten, dass Jim Bowie im genuesischen Messerkampf ausgebildet war, diese Messerform ist schon sehr verbreitet, aber Form folgt auch hier einmal mehr der Funktion und das ist immer eine gute Erkenntnis.

 

Coltello Genovese und Bowiemesser. Beides Auftragsarbeiten von Aluminium Arsenal. Das Bowie ist mitlerweile im Programm aufgenommen worden.

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