Buch: Trattato di scherma col bastone da passeggio

Die „Neuauflage“ hat mit 2009 auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Das Ersterscheinungsdatum war jedoch bereits 1908. Graziano Galvani, Gianluca Zanini, EnricoLorenzi und Valerio Pitali machen uns mit dieser Neuauflage eins der wenigen alten schriftlichen Werke aus Italien zum waffenlosen Kampf sowie dem Umgang mit dem Spazierstock zugänglich. Viele Bücher zum Fechten dieser Zeit sind für Norditalien in Mailand verlegt worden, so auch dieses. Damit rutscht es natürlich deutlich mehr in mein Interessengebiet als z.B. neapolitanisches Messer. Mit 1908 ist es für HEMA-verhältnisse noch recht jung, aber umso spannender. Nicht nur die Quelle ist auf Italienisch auch die Neuauflage ist es. Wer allerdings grundlegendes Verständnis und ein bisschen Vokabular der italienischen Fechtschule mitbringt, versteht durchaus erstmal genug. Zur Not gibt es ja auch noch ein paar Bilder 😉

Die Einführung hält allerlei Hintergrundinformationen für den Leser bereit. Es gibt viel wissenswertes über den Autor Giannino Martinelli sowie eine kurze praxisbetonte Einführung in den Fechten mit dem Spazierstock und allgemeine Anweisungen. Ob das wirklich ausreicht dem unerfahrenen Leser das Verstehen der Orginalquelle zu ermöglichen wage ich zu bezweifeln, für Fechter ist es jedenfalls eigenlich überflüssig.

Das Stocksystem  ist recht überschaubar und – wen wunderts – stark am italienischen Säbelfechten angelehnt. Deutlich mehr als unser Bastone Genovese. Es macht einen „akademischeren“ Eindruck: eine ordentliche Fechtstellung, ein recht weiter Ausfall und statische steile Paraden. Solche findet man nicht in jedem Stocksystem. Praxisorientierte Autoren wie zum Beispiel H.G. Lang oder T.H. Monstery verzichten darauf, da sie solche Parade als gefährlich für die waffenführende Hand ansehen. Im Bastone Genovese werden steile Parade – solche bei denen die Spitze nach oben zeigt, im Gegensatz zu verhangenen, bei denen die Spitze unterhalb der Hand liegt – grundsätzlich battiert, das heißt dynamisch geschlagen statt statisch mit Opposition pariert. So reduzieren wir die Gefahr für die vordere Hand.
Auf jeden Fall ist es eine kleine kompakte Methode, die leicht erlernbar ist, vor allem, wenn man bere fechten kann.

Was mir damals – als ich mir dieses Büchlein zulegte – nicht bewusst war, war dass es neben dem Spazierstock auch Techniken zum waffenlosen Nahkampf enthalten waren. Umso spannender war die Tatsache, dass diese Techniken als Gambetto bezeichnet werden. Genau wie bei uns scheint es kein richtiges System zu sein, eher ein paar Tricks und Kniffe abseits vom richtigen Ringen um sich ohne Waffen gegen jemanden zu behaupten. Also nichts was man großartig lernen könnte, aber ein netter Überblick oder besser Einblick in das Gambetto.

Wer sich mit italiensicher Fechtkunst beschäftigt und vielleicht noch an ihrer Umsetzung außerhalb des Fechtsaals interessiert ist, dem ist wohl geraten sich dieses kleine Büchlein zuzulegen. Ich habe es jedenfalls nicht bereut.

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