Paolo de Scalzis Einstellung zum Fechten und wie war das eigentlich nochmal mit den „Zweihändern“?

Ja, richtig gelesen, Zweihänder, aber dazu später mehr.
Wir arbeiten nun seit mehreren Jahren mit Paolo de Scalzi als Quelle zum Stoßfechten. Wäre es nach ihm gegangen, wäre er heute sicher einer der wichtigeren oder beliebteren Quellen der HEMA. Sein Werk „scuola della spada“ aus den 1850ern ist im Grunde nur der erste Teil eines geplanten Gesamtwerkes oder einer Reihe, das oder die es so leider nie in den Druck geschafft hat. Nach den Grundlagen des Stoßfechtens sollte es mit diversen anderen Waffengattungen weitergehen: Säbel gefolgt von Degen und Dolch, Bajonettgewehr, Lanze, Stock und Zweihänder. Zweihänder, wirklich? Die verwendete Bezeichnung lautet „spada a due mani“, was im allgemeinen Sprachgebrauch als Schwert zu zwei Händen übersetzt wird, genau wie auch der zweihändig zu führende Stock – wie wir wissen – als Bastone a due mani bezeichnet wird. Die Chancen stehen also äußerst schlecht, dass hier ein Schwert in jeder Hand – also zwei Degen – gemeint sein könnte.
Die Auswahl an Themen zeigt aber schon die Ausrichtung de Scalzis im militärischen Kontext. Gerade für Soldaten, sei es besonders wichtig gegeneinander zu fechten und nicht nur Solodrills zu laufen. Denn nur so kann man neben den für das Fechten erforderlichen Fähigkeiten auch das Vertrauen in sich vergrößern. Dass hierbei auch unterschiedliche Waffengattungen gegeneinander zu fechten haben, versteht sich von selbst. Er beklagt außerdem, dass die Leute einzig den Umgang mit dem Degen als Fechten ansehen würden. Ein Umstand den wir heute nur zu gut kennen. Aber Fechten ist mehr als der Umgang mit dem Degen. Egal ob Degen, Säbel, Zweihänder, Bajonett, Lanze oder Dolch oder sogar ein Stock, das Boxen oder Ringen, all das ist Fechten, denn sie befolgen die Regeln von Tempo, Modo und Misura. Habe ich hier wieder Zweihänder geschrieben? Diesmal war der Terminus allerdings „spadone“ welcher für ein „großes“ Schwert benutz wird, das üblicherweise zwei Hände am Griff erfordert. Also ein weiterer Begriff für einen Zweihänder. Aber könnte hier nicht einfach ein schwerer Degen gemeint sein? Möglich, aber auch eher unüblich. De Scalzi erwäht Rosaroll mehr als einmal lobend in seinem Buch und dieser bezeichnet schwere Degen als „spadancia“, es wäre also eher wahrscheinlich, dass de Scalzi diesen Begriff verwenden hätte.
Der Soldat ist der Rückhalt jeder Armee und so muss er gut ausgebildet sein, auch in Zeiten, in denen Geschütze mehr und mehr das Schlachtfeld dominieren. De Scalzi fordert, dass der Kavallerist mit seinem Säbel und seiner Lanze sowohl zu Fuß als auch zu Pferd umzugehen weiß, genauso wie die Infanterie mit ihrem Bajonettgewehr und der Offizier mit seinem Degen. Die Mannschaft der Artillerie muss ebenfalls an der Waffe ausgebildet sein, um im Ernstfall mit Säbel und Bajonett, aber auch mit dem Spaten, den sie im Notfall wie eine Hellebarde benutzen können, sich und das Geschütz verteidigen können. Wie, jetzt auch noch Hellebarden? Dadurch kräftigt sich das Bild des Zweihänders noch ein wenig mehr.
Es scheint, als hätten wir mit Paolo de Scalzi einen Liebhaber alten Fechtens oder einen Traditionalisten vor uns. Er zitiert diverse alte Fechtmeister wie Fabris, Capo Ferro, Marcelli, Rosaroll und Grisetti in seinem „scuola della spada, aber für italienische Fechtbücher ist dieser Stolz auf die Vergangenheit auch nicht unüblich. Ließ er also wirklich in seiner Schule Übungen mit dem Spadone ausführen? Wir wissen es nicht. Alfiero Gio. Battista Gaiani schriebt 1619 in „Arte di maneggiar la spada a piede et a cavallo“, dass es vorteilhaft für einen Rapieristen wäre auch mit dem Spadone zu trainieren. Dass das ein gutes Ganzkörpertraining ist, können wir heute ohne Zweifel sagen. Bislang pflegte ich immer zu sagen, dass der Bastone a due mani, diese Aufgabe im 19. Jh. übernommen hätte, aber wie es scheint nicht absolut.
Paolo de Scalzi war also allem Anschein nach ein Praktiker und kein Träumer auf dem Fechtboden, außerdem ein Fechter von ganzem Herzen.

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